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06.02.2014

Etwas abseits vom Mainstream

Wein in Württemberg: Die Privatkellerei Hirsch setzt seit jeher auf Maischegärung beim Rotwein


Artikel von Hansjörg Jung in der Sindelfinger Zeitung

Was Wilhelm Busch zufolge für alte Kna­ben eine gute Gabe ist, kann vermutlich auch der verletzten Kanzlerin nicht scha­den. Dass Rotwein bekanntermaßen die Durchblutung fördert, könnte ihrem Genesungsprozess zu Gute kommen. Vielleicht hat Angela Merkel ja noch ein Fläschchen Roten aus Leingarten im Keller. Als Christi­an Hirsch als bester Nachwuchsküfer der Republik in Berlin von der Kanzlerin ausge­zeichnet wurde, hatte er ihr ein Paket seiner ausgewählten Tröpfchen zukommen lassen.

Das ist sechs Jahre her. Mittlerweile hat er in Geisenheim ein Studium der Kellerwirt­schaft abgeschlossen - inklusive eines Aus­landssemesters am renommierten Robert Mondavi Institute an der University of Cali­fornia, Fachrichtung: Weinbau und Keller­wirtschaft. Nach einem Intermezzo als Önologe in einer großen Bingener Kellerei ist er in die Familien-Kellerei zurückgekehrt. Dort erzeugt die Familie aus zwölf Hektar eigenen Weinbergen in Leingarten und Lauffen ihre Premiumweine. Bei der Basis­linie werden die Reben von 35 Hektar der Erzeugergemeinschaft verarbeitet.

Schon seit 2006 hat Christian Hirsch als Wochenendpendler in Leingarten seine Vor­stellung von Wein umgesetzt. Sei es bei der Edition Junior mit Weißburgunder, Grau­burgunder oder auch Chardonnay oder auch beim Cabernet Mitos, mit dem Vater und Sohn beim Deutschen Rotweinpreis 2012 erfolgreich waren. Ausgerechnet Ca­bernet Mitos. Eine der Sperrigsten unter den Neuzüchtungen. Extrem von der roten Farbe und zu überbordenden Tanninen nei­gend, vor allem, wenn zu stark gepresst wird.

Warum also musste es der Mitos sein? „Weil man uns abgeraten hat", sagt Artur Hirsch. Dies mag vielleicht einen Charakter­zug der Küfersfamilie beleuchten. Abseits vom Mainstream. So setzen sie seit Jahren konsequent in allen Qualitätsstufen auf den Schraubverschluss. „Es stört niemanden mehr", sagt Christian Hirsch. Wichtig sei nur, dass der Wein vor der Abfüllung hinrei­chend gereift ist. Wie beispielsweise die ed­len Weißweine, die bis zur Füllung lange auf der Hefe liegen und so Schmelz, Substanz und Langlebigkeit gewinnen.

Als nahezu alle Welt in Württemberg da­mit begonnen hatte, die Rotwein-Maische zu erhitzen, um den teilweise großen Massen von Reben schnell und sicher Herr zu wer­den, setzte die Familie Hirsch weiterhin auf die Maischegärung, um dem Wein Farbe und vor allem auch Körper zu geben. Keine Chance für marmeladige Tröpfchen.

Heute vergärt Christian Hirsch seine Rot­weinmaische zum Teil auch in Holz. Dabei sind die Fässer auf Rollen gelagert und wer­den über drei Wochen fünfmal am Tag ge­dreht. Dabei wird der Maische-Kuchen im­mer wieder zerbrochen, Farbe und Inhalts­stoffe lösen sich besser aus der Beerenhaut. „Dadurch wird der Wein dichter und entwi­ckelter", sagt Christian Hirsch.

Überhaupt outet sich der 30-Jährige als Fan des Holzfasses. Allerdings: „Jeder Wein muss seinen Trinkfluss haben. Wenn man dazu Messer und Gabel braucht, stimmt et­was nicht", sagt er zum Thema Barrique. Keinen Steinwurf vom Kellerei-Gebäude entfernt hat sich die Familie Hirsch einen rund 150 Jahre ehemaligen alten Eiskeller einer Bierbrauerei gesichert. Der bietet mit einer konstanten Temperatur zwischen 13 und 14 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von um die 75 Prozent ideale Bedingungen für den Barrique-Ausbau. Und, sehr zur Freude von Christian Hirsch: noch jede Menge Platz.

Kanzlerin-Wein vom Winzer aus Leingarten


Vielleicht hat Angela Merkel ein Fläschchen Roten aus Leingarten im Keller. Als Christian Hirsch als bester Nachwuchsküfer der Republik in Ber­lin von der Kanzlerin ausgezeichnet wurde, hat er ihr ein Paket seiner aus­ gewählten Tröpfchen zukommen las­sen.